Hebamme zwischen zwei Welten

Freudig erwartet das junge Paar sein erstes Kind. Sie haben im Vorfeld der Geburt einen Geburtsvorbereitungskurs besucht, kennen die Babyfachgeschäfte in und auswendig. Das Kinderzimmer ist von Mobile bis Teppich schön gestaltet. Sie macht Yoga, er liest ein Papabuch. Normalzustand eigentlich.

Aber es kann auch anders sein.

Eine junge Familie aus Tibet erwartet ihr erstes Kind. Sie ist erst seit kurzem in der Schweiz und versteht praktisch kein Deutsch. Nichts mit Yoga oder Babyfachgeschäft-Shopping.

Ich übernehme die Familie im Wochenbett. Die Frau muss am fünften Tag nach der Geburt ihren Wohnort wechseln. Frisch geboren, schon mitten im Umzug. Irgendwie so gar nicht, wie man sich ein erholsames Wochenbett vorstellt.

Mit gemischten Gefühlen sehe ich dem ersten Besuch entgegen. Was erwartet einen als Hebamme in diesem so anderen Wochenbett als üblich? Wo höchstwahrscheinlich keine Frau zwischen Geschenkpackungen im Pyjama sitzt, das Baby im Stubenwagen, den Mann am Putzen. Meine Aufgabe ist plötzlich nicht mehr ganz so klar definiert. Wo benötigt die tibetische Frau meine Unterstützung? Wie kann ich ihr am besten helfen?

Das Haus, in dem die Familie jetzt wohnt, ist alt. Klingel gibt es keine. Nach einigen Klopfversuchen, wage ich mich hinein. Ich stehe in einer Gemeinschaftsküche, doch da ist niemand zu sehen. Weitere Türen abzuklopfen getraue ich mich nicht. Und versuche, die Wöchnerin telefonisch zu erreichen. Es dauert ein Weilchen, doch dann hat sie verstanden, dass ich da bin. Im hinteren Ende des Hauses öffnet sich eine Tür. Eine junge Frau mit Ihrem Baby auf dem Arm begrüsst mich herzlich.

Das Zimmer ist klein. Zwei Betten, ein kleiner Tisch, in einer Ecke steht eine Packung Windel, zudem stehen mehrere Papiertüten mit Babykleider und Babyartikel herum. Auf die Frage wie es ihr gehe, strahlt die Frau mich an und sagt: «Sehr gut!» Es gäbe keine Probleme, sie seien glücklich über ihr Kind. Eine Freundin der Frau hilft beim Übersetzen.

Der Ehemann musste bereits wieder arbeiten gehen. In einem anderen Kanton. Unter der Woche wohnt er auswärts.

Danach mache ich die üblichen Kontrollen von Mama und Kind. Alles soweit in Ordnung. Auch das Stillen klappt problemlos. Die Frau verlässt sich auf ihr Gefühl und macht intuitiv das Richtige. Sie fragt mich, was sie mit den Kleidern und Gegenständen aus den Papiertüten machen soll. Alles Dinge, die sie von einer Hilfsorganisation erhalten hat. Und von denen sie teilweise gar nicht weiss, wozu die dienen.

Nachdem das Wichtigste geklärt ist und die Frau im Moment keine weiteren Fragen mehr hat, mache ich mich auf den Heimweg.

Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf. Mich beeindruckt, wie viel Glück die Frau ausstrahlt. Mit ihrem Neugeborenen, mitten in den erschwerten Umständen, die so gar nicht dem Babyglück entsprechen, das ich sonst sehe. Aber da ist diese grosse Dankbarkeit, die positive Ausstrahlung. Ich merke, wie viel von diesem Überfluss im Grunde genommen überflüssig ist. Und wie wenig das Glück von den Umständen abhängt – wenn man sich darauf fokussiert, was man hat, sich freut an den kleinen Dingen. Einfach einen Schritt nach dem anderen geht.

Die Begleitung der tibetischen Frau während der ersten Wochen mit ihrem Baby war für mich eine wundervolle Erfahrung. Trotz sprachlichen Schwierigkeiten, kulturellen Unterschieden und herausfordernden sozialen Umständen, durfte ich ein Stück Babyglück mit ihr teilen.

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