Flexibel, stressresistent, Hebamme

Wir Hebammen sind gezwungenermassen und wahrscheinlich auch von Natur aus sehr flexibel. Wenn wir morgens im Gebärsaal zum Rapport antreten, wissen wir nicht, was uns erwartet.

  • Sind Frauen gerade im Gebärsaal und warten auf unsere Begleitung bei der Geburt?
  • Sind Kaiserschnitte geplant?
  • Wie viele Schwangerschaftskontrollen sind in der Agenda eingeschrieben?
  • Wird eine Frau zur Einleitung erwartet?

Innerhalb kurzer Zeit geben uns die Nachtwachen-Hebammen einen Überblick, was auf dem Programm steht. Danach geht es um die Aufteilung der anstehenden Betreuungen. Natürlich kann das Programm auch kurzfristig durcheinander geraten. Dafür reicht ein Anurf einer Frau mit Blasensprung oder regelmässigen, starken Wehen. Von ungeplanten ‚Komplikationen‘ lässt sich eine Hebamme kaum aus der Fassung bringen.

Flexibilität ist eine Schlüsselkompetenz in unserem Beruf.

Wer als Hebamme nicht flexibel ist, hat nämlich sehr viel Stress. Alles kann sich sofort ändern. Und wir? Wir sind der Ruhepol für alle, deren Umstände durch das Kinderkriegen gerade genügend stressig sind.

Natürlich heisst «flexibel sein» nicht zwingend, dass wir nicht auch gestresst sein können durch unvorhersehbare Änderungen – doch wir versuchen, unseren Stress, der manchmal unvermeidlich entsteht, vor den Paaren zu verbergen. Natürlich nehme ich mir die Zeit, das Wärmekissen auszuwechseln. Und um noch eine Frage zu beantworten. Aufmerksam zu sein.

«Möchten Sie noch etwas trinken?»

Wer als Hebamme freiberuflich arbeitet, kann sich in der Regel den Alltag etwas besser einteilen. Hausbesuche beinhalten weniger Unvorhersehbares. Sie dauern ungefähr so lange, wie man denkt. Und sie lassen sich, Anfahrtsweg inklusive, wesentlich besser planen. Zudem sind Familien im Wochenbett nicht mehr unter Gebärstress und generell sehr flexibel: «Komm einfach, wenn es für dich passt, wir sind ja zu Hause» ist ein häufig gehörter Satz – was nicht bedeutet, dass wir deswegen nicht gleich um 7.00 Uhr vor der Türe stehen…

Ich arbeite in beiden Situationen. Sowohl im Gebärsaal wie zuhause bei den Wöchnerinnen.

An dem Tag, an dem meine Flexibilität und meine Stressresistenz besonders auf Probe gestellt wurden, waren Hausbesuche angesucht. Entsprechend ein übersichtlicher, planbarer Tag.
Bloss: Auch da kann einiges durcheinander geraten.

Noch liess am Morgen nichts darauf schliessen, wie der hübsch geplante Wöchnerinnen-Besuchstag verlaufen würde. Ich setzte mich ins Auto, die Tasche gepackt, drehte den Schlüssel im Zündschloss. Nichts! «Muss nichts heissen», sagte ich mir. Kann ja mal passieren, dass das Auto nicht sofort anspringt. Als nach mehreren Versuchen immer noch nichts passierte, stieg mein Stresslevel. Ausgerechnet heute! Der Tag war komplett durchgeplant – bis am Abend. Keine Zeit für Eventualitäten und vor allem keine Zeit für eine Autopanne! Konkret: Keine Zeit für Flexibilität.

Entnervt lasse ich das Auto in der Tiefgarage stehen, nehme die Agenda in die Hand und überlege, wie ich den Tag kurzfristig retten kann. Der Plan in aller Eile: Besuche vom Nachmittag auf Vormittag verlegen und umgekehrt. Mit Velo und Zug sollte das zu schaffen sein. Nach einigen Telefonaten und SMS ist der Tagesablauf neu organisiert, dank der Flexibilität meiner Wöchnerinnen. Mein Stresslevel hat sich wieder im Normalbereich eingependelt und als ich mit der Tasche auf dem Gepäckträger durch die Gegend radle, ohne Velopanne wohlverstanden, ist die Welt wieder in Ordnung. So schnell lässt sich eine Hebamme nicht aus der Fassung bringen, und die Wöchnerinnen scheinbar auch nicht.

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