Der Wochenbettbesuch

Das Baby schreit. Ich kann es durch die Haustüre hören. Es lebt. Das ist doch schon mal etwas. Ich klingle an der Türe. Der erste Wochenbettbesuch steht an.

Es dauert einen Moment, bis geöffnet wird. Der Ehemann und frischgebackene Papa. Herzlich und jovial und müde. «Es war eine kurze Nacht», bittet er mich hinein.

Als ich ihn das letzte Mal getroffen habe, sah er ungleich fitter aus. So ein klassischer Papa in spe. Betrat mit seiner Frau – SS32 – unsere Hebammenpraxis. Hatte unzählige Fragen und viel Vorfreude im Gepäck.

Ihr erstes Kind. Das erste Mal Eltern.

Sie hatten einen privaten Geburtsvorbereitungskurs gebucht und strahlten Glück aus. Der Fragekatalog wiederholt sich bei jedem Ersttermin:
«Wie merke ich, dass es wirklich Wehen sind?» «Wie viel Wasser produziert ein Blasensprung?» «Wann müssen wir ins Spital?»

Ich versuche, so gut wie möglich Antworten zu geben. Und wie so häufig kommt mir dabei der Gedanke: Egal wie gut man vorbereitet ist, wenn das Kind da ist, erwischt es einem voll und ganz. Und alles kommt anders als vorbereitet, vorgestellt und ausgemalt.

Jetzt ist das Baby da. Termingerecht geboren – schon mal gut. Viel mehr weiss ich noch nicht, als ich dem frischgebackenen Papa die Hand schüttle.

Dann kommt die Mama zur Tür und begrüsst mich mit einem «Ich bin noch im Pijama, Entschuldigung». Bitte nicht entschuldigen! Frauen in Pyjama sind für mich so normal wie unrasierte Vulvas. Kein Problem. Und auch die Wohnung sieht aus wie so viele Wohnungen im postnatalen Zustand, die ich betrete: Leicht überstellt.

Babygeschenke, aufgeklappter Klinikkoffer, stapelweise Papier auf dem Tisch.

Darin wühlt nun die Mama, leicht nervös, auf der Suche nach einem Kuvert für mich.

Dann beginnt das Baby erneut zu weinen.

Alarmiert tauschen die Eltern Blicke aus. Der Papa schaukelt es. Die Mama blättert den Stapel durch.

Die Nervosität ist spürbar. Kein Stress, versuche ich nonverbal zu vermitteln. Denn abgesehen von der natürlichen Intution fehlt die Routine in solchen Situationen. Wir schreiben Tag fünf nach Geburt. Dass gewisse Dinge in der Eltern-Kind-Beziehung da noch nicht geklärt sind, ist nur allzu natürlich.

Hebammen machen in solchen Situationen, was immer hilft:
Sie lassen die Eltern etwas tun.

Baby auspacken. Der Papa.
Baby wägen. Das übernehme ich.
Baby einpacken. Die Mama.

Das Gewicht ist im Rahmen. Beide atmen auf. Denn wenn eines bekannt ist, dann dass die Gewichtszu- oder besser -abnahme im Spital Dauerbrenner ist. Der Druck, dass das Kind zunehmen sollte und muss, ist da.

Mit der Gewichtszunahme ist schon mal ein wichtiger Punkt auf der Frischlingseltern-Liste mit einem Häkchen versehen.

Nächstes Thema Stillen des Wochenbettbesuchs. Die Augen der Mama füllen sich mit Tränen. Schmerzen, umständlich, zeitintensiv. Nicht so, wie gedacht. Die Tränen kullern. «Irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt, einfacher.»

Ich liebe Mütter. Frischgebackene Mütter. Sie sind in ihrer Hilflosigkeit und Unsicherheit trotzdem so stark. Und häufig brauchen sie nicht Expertenwissen, sondern nur die Gewissheit, dass sie das, was sie machen, gut machen. Mit jeder Antwort und jeder Hilfestellung kann ich ihr etwas Vertrauen in sich selbst zurück geben.

Das Baby nuckelt inzwischen zufrieden. Die Situation entspannt sich. Ich verabschiede mich.

Bei jedem weiteren Besuch ist die Frageliste bereits kürzer. Die Wohnung aufgeräumter.

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